Jenseits von Illusion

 

Jenseits von Illusion


Alle authentischen okkulten Wege bringen Erleuchtung – das bedeutet, sie bringen  ein lebendiges Begreifen des Kosmos als vereinigtem Wesen, und des Zweckes individueller Existenz im Zusammenhang mit diesem Wesen. In der Dunklen Tradition ist dieses Begreifen nur ein Anfang.
 
Der sinistre Pfad zielt darauf ab, dieses Begreifen mittels seiner verschiedenen Gradrituale, Prüfungen und Aufgaben zu erreichen. Diese Erfahrungen, wie schon öfter geschrieben wurde, erweitern das individuelle Bewusstsein graduell in die Akausalität. Die Initiaten, wenn sie ehrlich zu sich selbst sind, werden wissen, welche Erfahrungen notwendig sind, um eine innere Balance zu erzielen, und so den Fortschritt entlang des Weges zu ermöglichen.

Diese verschiedenen Prüfungen erzeugen jedoch nicht selbst Erleuchtung. Indem er dies versteht, muss der Initiat aufhören, die Prüfungen als Formen konventionellen „Okkultismus“ zu sehen; das heißt, als isolierte Rituale, die angebliche „Schnellschuss“ Resultate und Instant-Erlangung irgendeines großen okkulten Titels bieten. Die Prüfungen dürfen nur im Kontext der ganzen Reise, vom „Novizen“ zum „Unsterblichen“ als Mittel und Wege zur Erleuchtung verstanden werden.

Im Speziellen ist jedes Gradritual ein Ritus der Konsolidierung, eine Methode, die Weisheit aus den vorangegangenen Aufgaben und Prüfungen (so wie eine „Einblick-Rolle“) zu destillieren. Zum Beispiel bietet das Gradritual des Externen Adepten seiner Natur nach die nötigen Umstände, um über die vorausgegangene Stufe des Initiaten zu reflektieren, und so einen Prozess des Verstehens ungehindert geschehen zu lassen. Dieses Verstehen, durch die Umstände des Ritus und aus den Erfahrungen abgeleitet, die zu ihm geführt haben, ist die Quintessenz jedes Gradrituals.

Durch das Zulassen dieser Konsolidierung, mittels einer Methode, die satanischen Kriterien entspricht, werden Charakter und Kreativität vertieft und weiter entwickelt, und so die nächste Stufe des Weges ermöglicht. Diese nächste Stufe bezeichnet die praktische Implementierung dieser „Weiterentwicklung“ in der realen Welt.

Dieser Prozess wird speziell im Gradritual des Internen Adepten demonstriert. Die Umstände langer Isolation und Schweigens ermöglichen, zum ersten Mal wirklich, echtes Verstehen des Weges, wie er bisher und einzigartig durch den angehenden Adepten erfahren wurde. Dieses Verstehen geschieht aus sich selbst heraus, denn der künftige Adept hat das praktische, dynamische Leben der Erfahrung aufgegeben, das vorher erforderlich war.

So erzeugt der Ritus des Internen Adepten nur dann Erleuchtung, wenn eine ausreichende Menge sinistrer Erfahrungen gesammelt wurde (für gewöhnlich in  einem Zeitraum von drei bis sieben Jahren nach der Initiation). Das Ritual kann jederzeit durchgeführt werden, erzeugt allerdings möglicherweise nicht die angestrebten Resultate, wenn die Zeit noch nicht reif ist: das soll heißen, die Erleuchtung stellt sich nicht allein deshalb ein, weil man ein Minimum von drei Monaten isoliert in der Wildnis verbringt. Es ist leicht, sich vom „Glamour“ und der Herausforderung, die dieses spezielle Ritual bietet, verzaubern zu lassen, doch die äußere Form ist nur Oberfläche und bedeutungslos, wenn sie nur um ihrer selbst willen unternommen wird.

Der künftige Adept wird daher innerhalb eines Zeitrahmens, der seiner eigenen Entwicklung entspricht, zu einem intuitiven Verständnis der Essenz des Rituals kommen, die jenseits von dessen Erscheinung liegt. Wenn dieses intuitive Verstehen geschieht – und das Individuum wird wissen, wenn es soweit ist – sind alle Umstände, exoterisch und esoterisch, für eine erfolgreiche Durchführung vorhanden. Jeder Versuch, das Ritual vor diesem Punkt intuitiven Begreifens durchzuführen impliziert, dass es aus den falschen Gründen unternommen wird, und verurteilt es damit zum Scheitern.

Ein solcher Grund ist die Betrachtung des Ritus des Internen Adepten als Ausweg aus/Lösung für persönliche Probleme oder Umstände – und für jene, die dem Druck und den Krankheiten des modernen urbanen Lebens unterworfen sind (oder der Kultur der „realen Welt“ im Allgemeinen) ist die Verlockung des Lebens als archetypischer Eremit verständlicherweise sehr stark. Doch das Ritual selbst stellt keine neue Art zu Leben dar, auch wenn es, vielleicht zufällig, einen Blick auf den Beginn eines solchen neuen Weges freigibt; und wenn so ein Weg gewünscht ist, muss er entdeckt und kreiert werden bevor das Ritual unternommen wird, oder direkt im Anschluss daran (andersherum kann ein etabliertes, produktives und „glückliches“ Leben Ausreden hervorbringen, das Ritual nicht durchzuführen).

Im Anschluss an das Ritual des Internen Adepten kehrt der neue Adept in die Welt zurück und beginnt sein Schicksal zu erfüllen, dessen er sich nun bewusst ist. Die erforderlichen Aufgaben werden nun vom Adepten selbst in Übereinstimmung mit diesem Schicksal erdacht. Nur wenn (und falls) die primären Ziele dieses Schicksals erreicht sind, kann die nächste Stufe des Meisters/der Meisterin erklommen werden.

Grundsätzlich sollte die Durchführung eines Gradrituals nicht als Konsequenz daraus stattfinden, dass dem Unbewussten und persönlichen Motivationen erlaubt wurde, zu dominieren (was dann durch hübsch klingende Ideen oder Entschuldigungen verschleiert wird). Persönliche Dilemmas sind dazu da, auf andere Weise gelöst zu werden, und den Gradritualen sollte gestattet werden, unabhängig von den Vorstellungen des Initiaten, von selbst zu geschehen. Indem er dies zulässt, muss der Initiat eine gewisse Distanz zum Persönlichen entwickeln – eine Kombination aus dem Intuitiven und dem Objektiven.

Was die verschiedenen anderen Aufgaben angeht, wie sie in Hostia aufgelistet werden, so wird der Initiat normalerweise von demjenigen, der als sein Führer fungiert, eingeführt. Gelegentlich werden diese Aufgaben nicht bereitwillig durchgeführt, sondern nur, weil dem Führer, der bereits weiter auf dem Weg gegangen ist vertraut wird. Solche Aufgaben stärken den Charakter, erlauben größeren Einblick in sich und die Welt, und verfeinern den sinistren Fokus und das Verstehen. Solch Fokus/Zweck/Sinn des Schicksals erlaubt Beurteilung und die Ausdauer, dieses Urteil auch durchzustehen.

Was die Gradrituale betrifft – zumindest jenseits des Grades des Externen Adepten – müssen die Initiaten lernen zu warten, auf den rechten Zeitpunkt zu warten und inmitten der Alchemie der anderen Aufgaben darauf zu vertrauen, dass dieser Zeitpunkt kommen wird, an dem aus Eigeninitiative gehandelt werden muss. Dieser Zeitpunkt bleibt nicht bestehen, er ist eher wie ein Tor das sich öffnet und dann langsam wieder schließt, bis die Gelegenheit verloren ist. Hierin, wie in allen anderen Aspekten, ist Selbst-Ehrlichkeit die grundsätzliche Erfordernis für jeden, der ernsthaft nach dem ultimativen Ziel der Weisheit strebt.

Um abzuschließen: ein Initiat sollte sich die folgenden Fragen stellen. Was ist der wahre Zweck für das Individuum und darüber hinaus, eines Gradrituals? Wird so eine Prüfung aufgrund des Glamours und der Hoffnung seines „Image“ unternommen? Sollte das Ritual zu persönlichen Zwecken manipuliert werden, oder sind größere Kräfte am Werk, auf die zu hören das Individuum lernen muss? Wenn es eine größere Kraft gibt, was ist es, und wie sollte das Individuum zuhören? Dies zu beantworten hat keinen Sinn, indem man einfach die übliche ONA-Theorie wiederkäut; man muss die Antworten entsprechend der eigenen Gefühle finden.

Ein wahrer Adept kennt die Antworten.