Archetypen und Illusionen

 
Archetypen und Illusionen


Die Bilder von Baphomet (z.B. von Levi) als hermaphroditische Figur sind romantische Irritationen und/oder Verzerrungen (patriarchaler Natur): essenziell der symbolischen/realen Vereinigung von Herrin und Priester und dessen späterem Opfer. Das Gleiche gilt für die Ableitung des Suffix ihres Namens als „Weisheit“ (und als männliches Bild obendrein!) - selbst die verwirrten Gnostiker verstanden „Weisheit“ als weiblich. Das Bild von Baphomet, wie es in der Chaosmagie benutzt wird, ist das des Hermaphroditen, mit starker Neigung zum Maskulinen (q.v. Die Messe des Chaos 8 in Liber Null). Warum ist das so?

Eine weitere Illustration ist der Gebrauch der Entität, die als Atazoth bekannt ist (oder, eher ungenau bekannt, als Azathoth – Atazoth bedeutet eine Zunahme von Azoth, Azathoth ist schlicht ein Kuddelmuddel von Buchstaben, das aus den unbeholfenen Experimenten H.P. Lovecrafts stammt). Während behauptet wird, mit „Chaos“ zu arbeiten, und es zu verstehen, basieren die Strukturen und Riten des Chaoismus auf moralistischen/dualistischen/abstrakten (usw.) Begriffen. Als solcher kann Atazoth nicht verwendet werden, da es Teil des Abyss selbst ist.
In gewisser Weise muss es erfahren werden, da es sich auf das Bewusstsein des Individuums auswirkt, und nicht das Ergebnis einer weltlichen Situation ist. Abermals, das Individuum funktioniert als Kanal, und die Energien manifestieren sich entsprechend ihrer Natur und dem Wyrd des Individuums – wie die Formen/Ergebnisse durch diese Energie realisiert/gestört werden, hängt von dem Verständnis des Magiers ab. Ohne dieses Verständnis, und in dem Glauben, eine Energie könne ausschließlich als symbolische Erweiterung des Willens gebraucht werden, können die Praktizierenden, beherrscht von moralischen Illusionen, Opfer unvorhergesehener/ungewollter Ereignisse werden – es handelt sich nicht um ein weltliches Ziel/Absicht (gewöhnlich „sigillisiert“), das speziell erreicht wird, sondern das „gesamte“ Beeinflussen kausaler Struktur durch das akausale Gegenstück und umgekehrt. Das wird sehr selten beachtet oder verstanden.

Ein weiteres Problem tritt auf, wenn mehr als zwei Archetypen (die die männlichen und weiblichen Aspekte der Tempelmitglieder repräsentieren) in der zeremoniellen Arbeit verwendet werden.

Jene die wünschen, einen Tempel zu gründen, tun gut daran, einer einfachen Formel zu folgen: Bild – Wort – Gesang. Das Diktum „gebrauche jede Form und dann wirf sie weg“ ist tatsächlich kontraproduktiv für jeden, der magische Fähigkeiten entwickeln will. Das „Chaos“ ist unfertig und entbehrlich; soll heißen, es gibt kein wirkliches Empfinden, keine Richtung, kein Leben im prometheischen Sinn; Nichts das, durch die Invokation, eine Einsicht hervorbringt, wie das Akausale im Gewebe des eigenen Lebens, und daher im Kosmos, wirkt. In der Folge dominieren Aspekte des „Unbewussten“ das Bewusstsein ohne einen realen Effekt. Statt Evolution eine kreisförmige Bewegung; einen Schritt vor, verwirf dies, ein Schritt zurück usw.. Der Chaosmagier bleibt ständig beim Fundament, statt eine Struktur zu erschaffen, um eine höhere Ebene zu erreichen. (Ich verwende weder den Begriff „Evolution“ noch „höhere Ebene“ in moralischem Sinn. Was gemeint ist, ist Fortschritt für das Individuum. Innerhalb dieser Entwicklung kann „Hierarchie“ eine nützliche Form zur Manipulation sein, deren Komponenten bestimmte archetypische Energien repräsentieren – daher die Beschaffenheit eines „Tempels“. Doch der Tempel ist nur eine kleiner und befristeter Aspekt der individuellen Alchemie, q.v. Der siebenfältige Baum des Wyrd).

Der echte magische Gebrauch von Archetypen provoziert häufig eine „moralische“ Reaktion von Außenseitern (nicht zuletzt von allen anderen „Okkultisten“) - für gewöhnlich Anschuldigungen religiöser und/oder politischer Manie. Formen wie Politik und Religion stellen lediglich ein Mittel zum Zweck des Erfüllens magischen Verlangens dar. Und um diese Verlangen zu erfüllen, muss die gewählte Form mit dämonischer Intensität gelebt werden, damit sie nicht nur die Psyche des Individuums infiziert, sondern auch die anderer Leute. Das beinhaltet das Ausleben, nicht so tun als ob, einer bestimmten Rolle, bis der assoziierte Archetyp erschöpft (d.h. es wird ihm erlaubt, sich akausal zu zerstreuen, „wie es ist“, ohne Form), das Verlangen erfüllt, und somit die Psyche infiziert ist.
Es muss betont werden, dass „Tun“ nicht „Spielen“ ist – spielen heißt, sich selbst vorzugaukeln, dass man tut. Archetypen können als Energien gelten, die während bestimmter Ereignisse (ein rassisches Erbe bildend) erfahren, und durch die Philosophie der Magie in eine kausale Form gebracht werden, die bewusstes Verstehen und Manipulation erlaubt.

In einer Bedeutung repräsentieren sie einen „Nexion“ - und müssen als solcher von direkten, praktischen Erfahrungen begleitet werden: es ist das Streben, diese Qualitäten auszuleben, das die „Magie“ ausmacht. Jene die versagen, werden von der Form besessen (im Glauben, diese Form im Wesentlichen zu sein); in der Folge bleiben sie als einer von Vielen am Wegrand zurück, die den Blick auf ihr ursprüngliches magisches Ziel verloren haben. Derart ist die menschliche Schwäche.

Zeremonielle Magie, wenn sie mit einem echten Verständnis ihrer Funktion durchgeführt wird, macht eine bedeutende und spezielle Stufe in der magischen Entwicklung aus; eine Form die, wenn sie „transzendiert“ wurde, abgelegt oder fortgeführt werden kann, entsprechend den Wünschen und dem Wyrd des Individuums.
Es ist häufig sehr hilfreich, dem Tempel eine begrenzte Lebensspanne zu geben, während der bestimmte Ziele gesetzt und erreicht werden, deren Resultate stufenweise einen „Nexion“ öffnen. Das würde die Schaffung eines kausalen Gegenstücks zum Tempel einschließen; eines Gegenstücks, das extra zum Zwecke der Kommunikation mit der äußeren Welt gebildet wurde (dies könnte politisch, geschäftlich, kreativ... sein), wobei der Tempel der akausale Aspekt ist. Allmählich wird akausale Energie in die Form geerdet – diese „Form“ wird zu einem „Nexion“ und, entsprechend der Äonik, verursacht die sich manifestierende Energie Wandel als Echos und Mutationen.

Während die Schaffung „neuer“ Riten einem nützlichen Zweck dienen kann, sollten sie niemals als Ersatz für „ältere“, traditionellere Riten gesehen werden. Bei traditioneller zeremonieller Arbeit wird eine Verbindung zu jenen mit einem größeren Wyrd hergestellt, das mit der Kausalität der Tradition zusammenhängt, von der das Wyrd des Magiers ebenfalls ein Teil ist, hergestellt. Daher die Wichtigkeit von „Traditionen“.